Urticaria pigmentosa
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Urticaria pigmentosaQ82.29

Erstbeschreiber

Nettleship, 1869; Sangster, 1878

Synonym(e)

Nettleshipsche Krankheit; Nettleship-Syndrom; Mastozytose-Syndrom; kutane Mastozytose; Braunmensch; Mastzellenretikulose, Morbus Rywlin, generalisierte Mastozytose;

Definition

Klonale Erkrankung der hämatopoetischen Stammzelle mit Ausbildung klinisch heterogener Krankheitsbilder, die durch Mastzellenanreicherungen in der Haut und in inneren Organen gekennzeichnet sind. Bei der Urticaria pigmentosa (kutane Mastozytose)  beschränkt sich die Proliferation der Mastzellen auf die Haut. Bei der systemischen Mastozytose wird zumindest 1 extrakutanes Organ befallen.

Ätiopathogenese

Die meisten Patienten weisen eine aktivierende Punktmutation des KIT-Gens auf (KIT D816V). Sowohl die Expression von KIT (CD117) auf der Zelloberfläche als auch die Mutation sind nicht spezifisch für die Mastozytose.  

Manifestation

Erstmanifestation häufig bereits in den ersten 24 Lebensmonaten. Ein zweiter Manifestationsgipfel findet sich im mittleren Erwachsenenalter (40-60 Jahre). Kein Gender-Bias.

Lokalisation

Vor allem am Rumpf lokalisiert. Selten Schleimhautbeteiligung.

Klinisches Bild

Labor

  • Z.A. einer systemischen Mastozytose wird leitliniengemäß die Tryptase bestimmt (Normwert: <20µg/l). Bei Überschreitung des Wertes wird eine systemische Mastozytose für möglich erachtet und eine Knochenmarksbiopsie sowie ein Screening auf weitere Systembeteiligung angestrebt. Bei niedrigen Werten wird ohne zwingende klinische Hinweise in der Regel auf eine umfangreiche Diagnostik verzichtet. In einer größeren Studie konnte bei 32% der Patienten mit kutaner Mastozytose in der Knochenmarkshistologie eine systemische Mastozytose gesichert werden. Der Tryptasemittelwert des Kollektives mit Systembeteiligung betrug 43,9±39,93µg/l (3,74-173µg/l), ohne Systembeteiligung 19,63±13,31 µg/l (2,44-54 µg/l).Tryptaseerhöhungen > 20µg/l waren bei 43% der Patienten mit rein kutaner Mastozytose nachweisbar. 28% der Patienten mit systemischer Mastozytose zeigten Normalwerte. Somit scheint der Laborwert "Tryptase" kein gesicherter Parameter für die Frage einer Systembeteiligung zu sein.
  • Ergänzend kann die Bestimmung von N-Methylhistamin bzw. 1,4-Methylimidazolessigsäure im Sammelurin erfolgen.

Histologie

Häufig wenig spektakuläres histologisches Bild im HE-gefärbten Präparat. Diskrete Hyperpigmentierung der ansonsten unveränderten Epidermis. Schüttere, perivaskulär akzentuierte Rundzellinfiltrate in der retikulären Dermis. Erst bei histochemischer oder immunhistochemischer Darstellung ist die Mastzellen-reiche Qualität des Infiltrates (Giemsa-Färbung; CD117; CD25) erkennbar.

Differentialdiagnose

 Dermatofibrom; maligne Lymphome.

Therapie

Symptomatisch, s.a. Mastozytose diffuse der Haut.

Therapie allgemein

  • Patientenaufklärung über den Charakter der Erkrankung und provozierende Faktoren. Meiden auslösender Medikamente wie nichtsteroidaler Antiphlogistika, Acetylsalicylsäure, Codein, Procain, Polymyxin B, Muskelrelaxantien, Röntgenkontrastmittel. Keine mechanische Reizung wie Reibung (Trockenrubbeln) oder plötzliche Temperaturänderungen (Sprung ins kalte Wasser). Insektenstiche vermeiden. Cave! Auslösung durch i.v. applizierte, kurzzeitig wirksame Narkotika ist möglich!
  • Diät: Empfohlen wird eine histaminarme, ggf. auch salicylatarme Diät, s.u. Urtikaria, chronische. Histaminliberatoren sollten vermieden werden.

Externe Therapie

Kühlende Lotionen ggf. mit Zusatz von Polidocanol 5%  R200 . Alternativ Antihistaminika-haltige Gele (z.B. Fenistil Gel, Tavegil Gel, Soventol Gel). Glukokortikoid-haltige Cremes wie 0,5% Hydrocortison-Creme  R120  helfen kurzfristig, sind aber keine Dauerlösung. Sie sollten deshalb in der Therapie nicht eingesetzt werden.

Bestrahlungstherapie

Eine Therapie mit UVA1-Bestrahlung in mittleren bis hohen Dosen oder PUVA-Therapie führen bei einem Teil der Patienten zur Besserung der klinischen Symptomatik.

Interne Therapie

  •  Antihistaminika: Kombinationen eines nicht sedierenden H 1 -Antagonisten wie Levocetirizin (Xusal) 1mal/Tag 5 mg p.o. oder eines sedierenden H 1 -Antagonisten wie Dimetinden (Fenistil) 3mal/Tag 1-2 mg p.o. mit einem H 2 -Antagonisten wie Cimetidin (z.B. Tagamet) 400-800 mg/Tag p.o. kommen zur Anwendung. S.a.u. Mastozytose, systemische.
  • Mastzellstabilisatoren (z.B. Ketotifen (z.B. Zaditen Kps./Sirup): Erwachsene: 2mal/Tag 1-2 mg p.o., Kinder über 3 Jahre: 2mal/Tag 1 Kps., Kinder von 6 Monaten bis 3 Jahren: 2mal/Tag 2,5 ml Sirup.
  • In Einzelfällen wird Besserung unter Dinatriumcromoglicinsäure (z.B. Colimune) 4mal/Tag 100-200 mg erzielt.
  •  Glukokortikoide: Bei schweren, u.a. auch bullösen Formen, kommen Glukokortikoide in mittleren Dosierungen wie Prednison (z.B. Decortin) 40-60 mg/Tag infrage, schrittweise Dosisreduktion bis zur Erhaltungsdosis nach Klinik.
  • Experimentelle Ansätze mit positiven Resultaten existieren für Omalizumab (Xolair), einem IgE-Antikörper.

Verlauf/Prognose

Günstig. >95% der Patienten haben eine normale Lebenserwartung. Bei >50% der kindlichen Mastozytosen kommt es zu einer spontanen Remission bis zur Adoleszenz. Bei Erwachsenen verläuft die Erkrankung i.A. chronisch, schleichend progredient. Nur ein kleiner Teil zeigt Remissionen.    

Literatur

  1. Czarnetzki BM et al. (1985) Phototherapy of urticaria pigmentosa; clinical response and changes of cutaneous reactivity, histamies and chemotactic leukotrienes. Arch Dermatol Res 277: 105–113
  2. Comte C et al. (2003) Urticaria pigmentosa localized on radiation field. Eur J Dermatol 13: 408-409
  3. Gobello T et al. (2003) Medium- versus high-dose ultraviolet A1 therapy for urticaria pigmentosa: a pilot study. J Am Acad Dermatol 49: 679-684
  4. Guler E et al. (2001) Urticaria pigmentosa associated with Wilms tumor. Pediatr Dermatol 18: 313-315
  5. Ludolph-Hauser D et al. (2001) Occult cutaneous mastocytosis. Hautarzt 52: 390-393
  6. Nettleship E (1869) Rare forms of urticaria. Br Med J 2: 323
  7. Nettleship E (1869) Chronic urticaria leaving brown stains: nearly two years’ duration. BMJ 2: 435
  8. Requena L (1992) Erythrodermic mastocytosis. Cutis 49: 189–192
  9. Sangster A (1878) Urticaria Pigmentosa. Lancet I: 683

Antihistaminika bei Urticaria pigmentosa
 

Wirkstoff

Beispielpräparat

Alter

Dosierung/Tag

Applikation

Nicht sedierend

Cetirizin

Zyrtec

2-12 J.

½-1 Mßl.

Sirup

> 12 J.

10 mg

Fimtbl.

Levocetirizin

Xusal

> 6 J.

5 mg

Filmtbl.

Loratadin

Lisino

2-12 J.

½-1 Mßl.

Sirup

> 12 J.

10 mg

Tbl.

Desloratadin

Aerius

2-5 J.

2.5 ml (1.25 mg)

Sirup

6-12 J.

5 ml (2.5 mg)

Sirup

> 12 J.

10 mg

Filmtbl.

Doxylaminsuccinat

Mereprine

½-5 J.

1-2mal 1 Teel.

Sirup

6-12 J.

2-3mal 1 Teel.

Sirup

> 12 J.

2-4mal 2 Teel.

Sirup

 

Sedierend

Clemastin

Tavegil

1-6 J.

2mal 1-2 Teel.

Sirup

6-12 J.

2mal 1 Eßl.

Sirup

> 12 J.

2mal 1 mg

Tbl.

Dimetinden

Fenistil

1-8 J.

3mal 1 Teel.

Sirup