Tuberöse Sklerose
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Tuberöse SkleroseQ85.1

Erstbeschreiber

Bourneville, 1890; Pringle, 1880

Synonym(e)

Bourneville-Pringle-Syndrom; Morbus Bourneville; Bourneville-Brissaud-Krankheit; Hirnsklerose, tuberose; Sclerosis tuberosa; Epiloia; Neurinomatosis centralis (Orzechewski); Neurospongioblastosis diffusa; Spongioblastosis centralis circumscripta (Bielschowsky); Phakomatosis (Bourneville), Bourneville-Pringle Disease, Tuberous sclerosis complex, Tuberöse Sklerose Komplex,

Definition

Seltenes, hereditäres, neurokutanes Missbildungssyndrom, das durch Läsionen in Haut, ZNS, Augen, Herz und Nieren gekennzeichnet ist.

Vorkommen/Epidemiologie

Weltweit verbreitet. Häufigkeit: ca. 1/10.000 Einwohner.

Ätiopathogenese

Autosomal-dominant vererbte Mutationen der Gene TSC1 (Tuberous Sclerosis Gen 1; Genlokus 9q34) und TSC2 (Tuberous Sclerosis Gen 2; Genlokus 16p13.3), die zu Störungen der Proteine Hamartin (TSC1) bzw. Tuberin (TSC2) führen. Diskutiert wird die Störung der physiologischen Funktion beider Proteine als Wachstumsregulatoren von Nervenzellen während der Embryonalentwicklung.

Manifestation

Diskrete Hypopigmentierungen sind bereits bei Geburt vorhanden (Eschenlaubflecken). Ein sog. Adenoma sebaceum entwickelt sich meist erst in der Pubertät. Neurologische Symptome treten im Laufe der ersten Lebensjahre hinzu.

Klinisches Bild

  • Integument: Angiofibrome im zentralen Gesichtsbereich (sog. Adenoma sebaceum bei ca. 60% der Patienten) sowie peri- und subunguale Fibrome an Fingern und Zehen. Bereits bei Geburt imponieren höchst charakteristische " Vitiligo-artige" Depigmentierungen (98%) in regelloser Verteilung (s.u. Eschenlaubfleck). Das Vorhandensein von > 5 Eschenlaubflecken ist für die tuberöse Sklerose höchst verdächtig. Darüber hinaus imponieren hautfarbene bis gelb-bräunliche, plaqueförmige, randständig punktierte, grob texturierte Hautverdichtungen, die am Stamm und hier häufig im Bereich der Lendenregion zu finden sind. Nicht selten findet man auch Café-au-lait-Flecken. Sehr selten ist die Entwicklung einer Cutis verticis gyrata.
  • Extrakutane Manifestationen: Epileptiforme Krampfanfälle sind für die tuberöse Sklerose typisch (96%). In den ersten 2-3 Lebensjahren treten Krampfanfälle fokal auf, später generalisiert. Meist sind intellektuelle Retardierung, multiple periventrikuläre Kalzifikationen im ZNS (98%) sowie verschiedenartige Tumoren innerer Organe vorhanden, insbes.:
    • Angiomyolipome der Niere: 38%
    • Nierenzellkarzinome: 3%
    • Adenome und Lipomyome der Leber
    • Angeborene Angiome der Retina
    • Adenome des Pankreas
    • Milztumore
    • Riesenzellastrozytome des ZNS: 5-15%.
  • Komplexe Fehlbildungen z.B. Situs viscerum inversus completus, Skelettveränderungen (Knochenzysten, Periostverdickungen der Diaphyse der langen Röhrenknochen), Wabenlunge, Lungenzysten, Nierenzysten oder Doppelniere sind beschrieben.

Therapie

Kausale Therapien sind nicht bekannt. Symptomatische Therapie wie erforderlich steht im Vordergrund. Genetische Beratung.

Operative Therapie

Koenensche Tumoren sowie Zahnfleischwucherungen werden ggf. exzidiert. Bei subungualen Koenenschen Tumoren muss zuvor der entsprechende Nagelplattenanteil entfernt werden.

Für Fibroadenome und Trichoepitheliome im Gesicht kommt die Dermabrasio sowie CO2- Laser-Therapie infrage. Da die Ergebnisse häufig unbefriedigend sind und keine Standardtherapie zu empfehlen ist, bleibt es dem behandelnden Arzt überlassen, ggf. weitere Therapiemethoden wie Elektrokauterisierung mit der spitzen Nadel, Laser, Kryochirurgie heranzuziehen.

Zur Behandlung des sog. Adenoma sebaceum s.dort.  

Verlauf/Prognose

Progredientes Leiden mit allgemeinem Entwicklungsrückstand, zunehmenden Verhaltungsstörungen und neurologischen Störungen sowie zunehmendem Schwachsinn.

Hinweis(e)

Diagnostische Kriterien für die Tuberöse Sklerose (nach Roach ES et al. 1998)

Major Kriterien

  1. Faciale Angiofibrome oder fibröse Stirn-Plaques (Adenoma sebaceum)
  2. Sub-oder periunguale Fibrome
  3. >3 hypomelanostische Flecken (Vitiligo-artige Depigmentierungen)
  4. Lumbo-sakraler Bindegewebsnaevus (shagreen patch)
  5. Multiple noduläre Hamartome der Netzhaut
  6. Sklerosierender Plaqueoder Tumor der Großhirnrinde
  7. Subependymaler Knoten oder Riesenzellastrozytom
  8. Kardiales Rhabdomyom
  9. Renales Angiomyolipom
  10. Lymphangiomatose

Minor Kriterien

  1. Multiple, grübchenartige Zahnschmelzdefekte
  2. Hamartomatöser Rektalpolyp
  3. Knochenzysten
  4. Gingivafibrome
  5. Nicht-renales Hamartom
  6. Achromische Netzhautflecken
  7. Konfettiartige, hypomelanotische Flecken
  8. Multiple Nierenzysten

Für die definitive Diagnose einer tuberösen Sklerose werden entweder 2 Major-Kriterien, oder 1 Major-Kriterium und 2 Minor-Kriterien gefordert. Für die wahrscheinliche Diagnose einer tuberösen Sklerose genügen 1 Major- und 1 Minor-Kriterium.

 

 

Literatur

 

  1. Ammari MM et al. (2014) Oral findings in a family with Tuberous sclerosis complex. Spec Care Dentist. doi: 10.1111/scd.12100
  2. Balzer F, Grandhomme (1886) Nouveau cas d'adénomes sébacés de la face. Arch Physiol 8: 93–96
  3. Beltle J, Seemann MD (2003) Computed tomographic findings in Bourneville-Pringle Disease. Eur J Res 8: 292-294
  4. Bourneville DM (1880) Sclérose tubéreuse des circonvolutions cérébrales, idiotie et épilepsie hémiplégique. Arch Neurol (Paris) I: 81–91
  5. Dill PE et al. (2014) Topical everolimus for facial angiofibromas in the tuberous sclerosis complex. A first case report. Pediatr Neurol 51:109-113

  6. Liebman JJ et al. (2014) Koenen tumors in tuberous sclerosis: a review and clinical considerations for treatment. Ann Plast Surg 73:721-722
  7. May M et al. (2003) Angiomyolipoma of the kidneys as a rare cause of retroperitoneal hemorrhage. Two case reports with tuberous sclerosis Bourneville-Pringle. Urologe 42: 693-701
  8. Pringle JJ (1890) A case of congenital adenoma sebaceum. Brit J Derm 2: 1–14
  9. Roach ES, Delgado MR (1995) Tuberous sclerosis. Dermatol Clin 13: 151–161
  10. Roach ES et al. (1998) Tuberous sclerosis complex consensus conference: revised clinical diagnostic criteria. J Child Neurol 13:624-628

  11. Trauner MA et al. (2003) Segmental tuberous sclerosis presenting as unilateral facial angiofibromas. J Am Acad Dermatol 49: S164-166